Better Buying – Ist die Textil und -Modebranche die Hölle der Globalisierung?

„Speak out and make sure that you change peoples mind sets – thats what drives change. Just that!“

Der Übeltäter ist eindeutig identifiziert – die Einkaufspraxis der großen Modemarken. Neben fehlender Transparenz in den Lieferketten, benennt praktisch jede der Teilnehmer*innen der Konferenz „Toxic Fashion“ in Genf das Preis-Dumping und die falschen Anreizsysteme für Einkäufer als den schwerwiegendsten Auslöser für die humanitären Verbrechen der Textilbranche.

Alexander Kohnstamm, Executive Director der Fair Wear Foundation macht mit den Konferenzteilnehmer*innen ein kleines Experiment. Er bittet die Anwesenden aufzustehen und sich vorzustellen, sie würden als Näherin in einer der großen Textilfabriken in Bangladesch arbeiten.  Der Dame im Chanel Kostüm vor mir, dürfte das zumindest schwerfallen. Er fragt, wer hat am meisten Macht über euer Leben als Näherin? Unser Vater? Unser Partner? Der Staat? Der Manager der Fabrik? Oder der Auftraggeber eben dieses Managers… Wir sind angehalten uns zu setzen, wenn wir das Zutreffende gehört haben. Bei jeder möglichen Antwort setzen sich ein paar der ca. 200 Teilnehmer*innen. Nur wenige bleiben stehen. Obwohl die meisten mutige, intelligente und fachkundige Gründerinnen und Aktivistinnen sind, will man sich nicht eingestehen, dass die letztmögliche Antwort, die westlichen Modekonzerne, den Zeigefinger der Verantwortung ganz klar auch in unsere Richtung wendet. Unser Einkaufsverhalten fördert  das Verhalten der Konzern-Einkäufer.

Es folgen noch viele schlechte Nachrichten aus der Modebranche an diesem Nachmittag. So zum Beispiel, wie schwer es selbst der einflussreichen C&A Stiftung, mit über 50 Mitarbeitern fällt, Lieferketten für die Käufer transparent offenzulegen. Ihre Vertreterin, Executives Director Leslie Johnston, befürchtet das es noch mindestens eine Generation dauern wird, bis die mächtige Konsumentenfrage: Wer hat meine Kleider gemacht, auch tatsächlich online beantwortet werden kann. Im nächsten Panel erfahren wir das 70% der Näherinnen in Bangladesch Erfahrungen mit sexualisierten Gewalt am Arbeitsplatz gemacht haben, das Diskriminierung und Unterdrückung in den Fabriken an der Tagesordnung sind, und katastrophale hygienische Bedingungen sowie keine Gewerkschaftsvertretungen existiert. Hat sich in der Textilindustrie das Übel der Welt versammelt? Es macht den Anschein. Dazu kommt noch die Baumwollindustrie, die den Planeten austrocknet, sowie die Logistiker, die die Ware um den Globus transportieren und damit einen unglaublich hohen CO2 Foodprint hinterlassen. Da traut man sich ja nicht mal mehr durchzuatmen. Der Weg von Fast Fashion zu Fair Fashion ist offensichtlich ganz und gar nicht schnell.

Gibt es keine Hoffnung auf Verbesserung? Nun die Gründerin von Giving Women Atlanti Moquette gibt uns mit auf den Weg, nie zu vergessen, dass: „Frauen der Katalysator für Veränderung sind“. Betrachtet man die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer*innen muss man ihr beipflichten. Ich treffe u.a. Roberta , die Gründerin von SEP Jordan. Sie hat Ihren Trade Broker Job an den Nagel gehängt und ein ungemein kreatives und edles Modelabel mit wundervollen Stickereien aus Jordanien erfolgreich etabliert. Inzwischen verkauft sie u.a. bei Harrods und man liest über sie in Vogue Arabia. Sie ist schnell, clever, vernetzt sich und weiß alles über Ihre Produzent*innen und Zulieferer*innen.

Abschließend geht es, um den einen magischen Wunsch, den die Protagonistinnen uns mit auf den Weg geben dürfen. Viele werden mit Leidenschaft ausgesprochen: Fragt, wer Eure Kleidung gemacht hat, kauft weniger, zu höheren Preisen, aber passt auf, denn teuer ist nicht unbedingt fair, fragt nach den Materialen, usw. Es gibt offensichtlich viel zu tun. Na dann…

Und weil ich zu schockiert bin und es dabei nicht belassen will, nehme ich mir vor den magischen Wunsch von Musimbi Kanyaro, Präsidentin von Global Fund for Women unter mein Kopfkissen zu legen: „Speak out and make sure that you change peoples mind sets – thats what drives change. Just that!“