Wirtschaft oder Kultur ?

Sind das zwei Themengebiete die unvereinbar sind? Oder sind sie unverzichtbar füreinander? Ich denke, um das vorwegzunehmen: Es sind wichtige, sich beeinflussende und gegenseitige ergänzende Disziplinen.

In knapp 20 Jahren Berufserfahrung, sowie 10 Jahren Engagement in humanitären Projekten – ging es bei mir immer wieder um die Frage: Wie erreicht man es, dass so viele Menschen wie möglich, das eigene Schicksal selbst in die Hände nehmen können.

Hat man die umfassende Entscheidungskompetenz für das eigene Leben?

Als Frau mit kulturhybridem Migrationshintergrund, längeren Aufenthalten im Sudan, Haiti, und vielen arabischen Ländern, durch meine Nähe zum Nahen und Mittleren Osten, dem Aufbau eines Sozialunternehmens sowie eines interkulturellen Künstlernetzwerkes, sammelte ich viele Erfahrungen. Diese machten mir immer deutlicher, wie unerreichbar das Ziel der Entscheidungskompetenz für das eigene Leben, für große Teile der Menschheit ist.

Die wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen

Der erste Schritt: Menschen in eine Lage zu versetzen, für sich selbst wirtschaftliche Entscheidungen treffen zu können und ein Forum zu schaffen, das für nachhaltiges Haushalten in einem teilhabenden Wirtschaftskreislauf steht. (Gyalpa)

Erst wenn ein Mensch seine existentiellen Grundbedürfnisse als ungefährdet ansieht und nicht jede Minute seiner Zeit in das eigene Überleben und das seiner Kinder investieren muss, erst dann kann man von einem gewissen Grad an persönlicher Freiheit sprechen.

Das 70% Prinzip

Nach kurzer Zeit habe ich gelernt, dass es dabei einen wichtigen Erfolgsfaktor gibt: Frauen. Sie sind der Motor. Deswegen ist ein Grundprinzip aller unserer Unternehmungen und Projekte: 70% aller Investionen, Jobopportunitäten und die Ressource „Zeit“ geht an Frauen. Das ist die Umkehr des derzeitigen patriarchalen Weltprinzips. (enige Frauen weltweit in Spitzenpositionen – Handelsblatt)

Steckengeblieben

Erkenntnis: Faire Teilhabe existiert nicht und sie ist mit den erlernten Grundprinzipien der Ökonomie nur schwer zu erreichen. An dieser Stelle stehe ich heute nach wie vor und trotz intensivem Studiums, freue ich mich über jeden Hinweis, der mir hilft, wie wir hier weiterkommen können. Die Antwort der staatlichen Verordnung  ist dabei nicht die, nach der ich suche.

Schritt für Schritt

Zur Verbesserung der Verständlichkeit haben wir bei Gyalpa dieses fünfstufige Orientierungsschema entworfen.  Übergänge der einzelnen Ebenen sind selbstverständlich fließend, nichts ist im Leben ist schwarz oder weiss, alles ist auf seine individuelle Weise grau.

  1. Ebene „Überleben“: Es gilt physische Sicherheit, leibliche und soziale Gesundheit sicherzustellen.
  2. Ebene „Kinder“: Es gilt Sicherheit, Versorgung, Gesundheit und Zugang zur Bildung für Kinder zu garantieren (egal wo, wer und wann nennt dies, wenn er Kinder hat, an erster Stelle).
  3. Ebene „Wachstum“: Es gilt Wirtschaft, Politik, Umwelt, Bildung und Mobilität verbessern
  4. Ebene „Kunst und Kultur“: Es gilt kulturelle Teilhabe, gleichberechtigte Reflektions- und Reproduktionsflächen und offene (kritische) Kommunikation zu ermöglichen.
  5. Ebene „Technologie & Digitalisierung“: Es gilt Verortungs- und Vernetzungsgegebenheiten stetig weiter zu entwickeln.

 

Das Bindeglied zwischen Wirtschaft und Kultur: Bildung

Ab der zweiten Ebene taucht der Faktor Bildung auf. Lange galt sie auch mir als Garant für die Zukunftschancen des Einzelnen. Ich stimme dem nach wie vor, als wesentlichem Bestandteil eines erfolgreichen Weltmodells zu, aber sie ist nichts wert, wenn man an einem Ort lebt, an dem man keinen Job findet, weil die Arbeitslosigkeit auch hochausgebildeten Personen kein Auskommen ermöglicht oder wenn man seine Werte verraten muss, um sich und seine Familie durchzubringen. Zu oft sind mir Lebensläufe begegnet, in denen hohes Ausbildungsniveau auf Perspektivlosigkeit in der aktuellen Verortung traf.

Die Bildung ist also immer im Kontext der wirtschaftlichen Realitäten zu betrachten und auch in diesem Sinne zu fördern. Und wenn wir uns nur auf die sklavische Vermittlung von Wissen beschränken und z.B. die künstlerische Bildung vernachlässigen, geht jede Kreativität und Diversität auf kurz oder lang verloren und die Konsumorientierung sowie realexistierenden gesellschaftlichen Konformitätszwänge – die ebenfalls als Kräfte gegen die Freiheit des Einzelnen arbeiten – gewinnen die Oberhand.

Daher kamen ab 2013 die Förderung von kultureller Bildung und ab 2015 die Förderung der Künste dazu. FLAX Schwerpunkt liegt dabei wieder auf dem Nahen und Mittleren Osten sowie auf Frauen. Warum? Weil ich kulturelle Ressourcen nutze, die mir in die Wiege gelegt wurden.

Zeitalter der Digitalisierung

In den Zeiten der Digitalisierung scheinen sich viele Säulen der Weltordnung radikal zu verschieben. Ob sie von ihren Sockeln gestoßen werden, werden wir sicherlich bald erahnen können. Bis dahin kämpft die Finanzindustrie mit harten Bandagen um ihre Monopolstellung,  Alibaba und Co sichern sich Datenmonopole, Billiglöhner in der verarbeitenden Industrie werden ersetzt durch Roboter und lösen neue Migrationsströme aus. Insbesondere interessant scheinen die Folgen, der sich teilweise auflösenden sogenannten kulturellen Identitäten. Jeder der eine Gaming Convention (Hackaton) besucht hat, spürt dies deutlich: Die Instagram Nomaden und „Anywheres“  schaffen Kommunikationsprozesse, die sich erstmals seit der Erfindung des Nationalstaatsprinzips gravierend verändern. Sie geben Hoffnung in Zeiten, in denen auch die Bewahrer und Nationalisten in den öffentlichen Diskurs wieder einmischen.

Abschlussbemerkung in eigener Sache

Humor ist elementar: Erst wenn wir übereinander Lachen können, die kulturellen Eigenarten des Anderen wertschätzen und ihnen neugierig und angstfrei begegnen, ist es wirklich möglich von Freiheit zu sprechen.